Wenn Verborgenes zum Vorschein kommt

Krisen wie die derzeitige sind wie charakterliche Vergrößerungsgläser. Sie bringen die Grundhaltungen und Lebenseinstellungen der Menschen zum Vorschein. Und das kann manchmal ganz schön anstrengend werden.

Wie meine ich das? Ich beobachte in meiner Umgebung fünf grundsätzlich sehr unterschiedliche Reaktionsmuster:

  1. Da gibt es die kindlich Naiven, die davon ausgehen, dass für sie schon gesorgt sein wird. Sie setzen dabei auf den lieben Gott, ein gütiges Schicksal, ihr Glück oder andere, meist außerhalb von ihnen angesiedelte Instanzen. Eine Variante dieser Kindlich-Naiven sind jene, die nur eine grundlegende Veränderung der Welt zu mehr Spiritualität und umfassender Liebe beobachten und sich über die Krise freuen. Eine ihrer wesentlichen Grundhaltungen in ihrem Leben ist der Glaube an eine schützende Hand, die sich über sie schiebt und Unglück von ihnen abhält.
  2. Dann gibt es die vertrauensvoll Optimistischen, die sich auch jetzt darin üben, das Glas als halbvoll und nicht als halbleer wahrzunehmen. Sie konzentrieren sich auf die positiven Seiten von Ausgangsbeschränkungen, Schutzmasken und wirtschaftliche Sorgen. Diese Menschen sprechen über die Chancen des Shutdown, über die Erfahrung, wenn sich das Leben entschleunigt und über das Geschenk, Wesentliches von Unwesentlichem trennen zu können. Ihre Grundhaltung ist eine des Urvertrauens. Sie nehmen die Welt um sich herum als grundsätzlich positiv und fördernd wahr.
  3. Die dritte Gruppe kann man die wegschiebenden Fatalisten nennen. Sie registrieren Ungereimtheiten, Fehler und große künftige Probleme. Sie bleiben allerdings weitgehend ruhig, weil sie der Meinung sind, ohnehin nichts ausrichten zu können. Ihre Aktivitäten konzentrieren sich auf ihre Einflusssphäre, das heißt, sie gestalten Ausgangsbeschränkungen und soziale Distanzierung so gut sie können im Rahmen der Bestimmungen.
  4. Die armen Opfer sind eine weitere große Gruppe, denen man aber auch ohne Krise ständig begegnet. Erstaunlicherweise vergrößert sich dieser Personenkreis nach meiner Beobachtung durch Corona nicht nennenswert. Es sind die gleichen Menschen, die auch vorher von Kollegen, Partnern, Kindern, Freunden oder Bekannten ungerecht behandelt wurden. Nun kommt die Krise als weiterer mächtiger Täter, der es ihnen unmöglich macht, unbeschadet durch ihr Leben zu gehen. Ihre Haltung ist die des Opfers, das nach einem Retter schreit.
  5. Die wissenden Aufdecker sind schließlich die fünfte Gruppe. Im Grunde sehen auch sie sich als Opfer, allerdings nicht auf der persönlichen Ebene sondern auf einer gesellschaftlich-politisch-wirtschaftlichen. Sie lehnen unser liberales Gesellschaftsmodell im Grunde ab, weil sie sich ausgebeutet und manipuliert fühlen. Um das Gefühl der Kontrolle zu bekommen, verdichten sie ihre Befürchtungen zum Beweis einer Weltverschwörung. Die Gefahr entsteht durch das Virus selber, das von einer bösen Macht freigesetzt wurde. Alternativ könnte die Gefahr auch dadurch entstehen, dass böse Mächte eine harmlose Viruserkrankung instrumentalisieren, um mit völlig übertriebenen Maßnahmen die kritischen Denker zum Schweigen zu bringen.
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Im normalen Alltag können wir über gravierende Unterschiede im Weltbild und in der Lebenseinstellung beim Partner, bei Freunden, Verwandten oder Kollegen meist ganz gut hinwegsehen. Bestimmte Themen wie politische Diskussionen vermeidet man halt. Derzeit ist es dagegen oft sehr anstrengend, wenn man Menschen aus den anderen Haltungsgruppen als der eigenen begegnet.

Was hilft? Sich klarmachen, dass alle fünf Haltungen nicht logisch-rational sind sondern eine Folge des eigenen Weltbildes und der eigenen Grundeinstellungen gegenüber dem Leben. Solche Haltungen entziehen sich häufig dem Bewusstsein des Betroffenen, sie stellen sogenannte blinde Flecken dar. Üben wir uns also in Toleranz, wenn wir Andersdenkern begegnen. Halten wir aber da die Augen offen, wo auf Dauer Grundrechte unter Druck geraten.