Die etwas andere Fastenzeit

Fastenzeiten gehören seit Jahrhunderten zu den Traditionen unserer christlichen Kultur. In den letzten Jahrzehnten ist es auch abseits der christlichen Kirchen wieder modern geworden und hat in abgewandelten Formen den Lifestyle erobert.

Handyfasten oder Medienfasten sind zwei Beispiele für diese neue Fastenkultur. Das soziale Fasten, das wir derzeit durchmachen, ist auch eine Variante. Ihr fehlt allerdings etwas Entscheidendes zu den anderen modernen Formen des Fastens: die Freiwilligkeit!

Vielleicht ist es dir ja aufgefallen: In Österreich gibt es eine kuriose Parallele zwischen der traditionellen Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag und dem durch Corona bedingten Lock down unserer Gesellschaft: Das traditionelle Fasten fiel heuer auf die Tage zwischen dem 26. Februar und dem 11. April. Das waren wie immer 46 Tage, wobei nur die Werktage als Fastentage zählen, die Sonntage traditionell frei sind. Der Corona Lock down begann in Österreich am 15. März und endet heute, am 30. April. Auch das sind 46 Tage, wobei wir in diesem Fall die Sonntage nicht als Urlaub verbuchen konnten.

Ähnlich wie in der traditionellen Fastenzeit mussten wir auch im Lock down auf Liebgewonnenes verzichten. Wir haben sozial gefastet, indem wir uns nicht mit Menschen getroffen haben, die nicht im gleichen Haushalt wie wir leben. Wir haben Freiheitsgefastet, indem wir darauf verzichtet haben, uns frei zu bewegen. Viele von uns haben auch beruflich gefastet, weil sie in ihren Berufen etwa als Masseur*innen, Therapeut*innen, Berater, Eventmanager*innen, Künstler*innen, Friseur*innen oder Kosmetiker*innen nicht arbeiten durften.

Anfangs mag das für viele noch ein spannendes Experiment gewesen sein. Doch mit dem Verstreichen der Wochen wurde etwas offensichtlich: Freiheitsfasten ist für viele von uns kaum zu ertragen. Existenzsorgen, Beziehungskrisen durch das ungewohnte Aufeinander Picken von Paaren, Eltern und Kindern oder Wohngemeinschaftsmitgliedern verschärfen diesen Zustand. Doch selbst wenn all diese Parameter wegfallen, bleibt bei vielen der Unmut über den Wegfall der persönlichen Freiheit. Sie ist eine Grundsäule unserer Gesellschaftsordnung.

Was tun? Man kann persönlich rebellieren. Man kann gemeinschaftliche Rebellion organisieren. Oder man kann die Situation als derzeitige Rahmenbedingung hinnehmen.

Schauen wir uns letztere Möglichkeit an: Wie beim traditionellen Fasten oder dem übliche Lifestyle Fasten könnten wir schauen, welche neuen Möglichkeiten durch den Verzicht entstehen. Wer einmal 40 Tage lang auf Fleisch, Süßigkeiten, Kaffee, Alkohol oder Zigaretten verzichtet hat, weiß, dass es unter anderem positive Auswirkungen auf den Körper gibt. Der Verzicht eröffnet eine neue Perspektive auf die eigenen Möglichkeiten. Er fokussiert die Gedanken und setzt neue Kräfte frei.

Der Verzicht auf die gewohnten Freiheiten schränkt uns ein, aber in dieser Einschränkung liegen neue Möglichkeiten. Man kann einmal aus dem Hamsterrad des Berufsstresses heraustreten und überprüfen, wie es mit der Freiwilligkeit aussieht, wenn man von einem Termin zum nächsten hetzt. Man kann überprüfen, wieviel Freiheit darin liegt, wenn man Dinge, die einem am Herzen liegen aus Zeitmangel nicht macht. Man kann scheuen, ob es die Zeit wert ist, die durch das enge Zusammenleben zum Zerreißen gespannte Beziehung zu sanieren. Man kann…

Und am Ende, aber das ist nur ein provokante Denkanstoß, könnte eine neue Definition von Freiheit stehen.